{"id":29,"date":"2010-02-01T16:23:44","date_gmt":"2010-02-01T15:23:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.pogotransat2010.visualbites.net\/wordpress_pogotransat2010\/?p=29"},"modified":"2010-02-02T17:25:29","modified_gmt":"2010-02-02T16:25:29","slug":"logbuch-15-01-2010-wir-sind-da","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.pogotransat2010.visualbites.net\/?p=29","title":{"rendered":"Logbuch 15.01.2010 &#8211; Wir sind da &#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Horta, 15.01.2010<\/p>\n<p>Nun m\u00fcssen wir uns doch endlich mal melden. Erstmal in K\u00fcrze: Wir sind in Horta und haben insgesamt 12 Tage und 4 Stunden ab Segel Setzen vor Guadeloupe gebraucht. Das ist schnell.<br \/>\nNun der Reihe nach.<br \/>\nKomplett reibungslos ging es nicht von statten. Wir hatten allen Ernstes einen medizinischen Notfall an Bord, von dem wir lieber wenig bis gar nichts durchblicken lie\u00dfen, um keine Sorgen aufkommen zu lassen. Ihr erinnert Euch vielleicht, da\u00df wir kurz nach Bergfest recht g\u00fcnstig im Wettersystem standen und z\u00fcgig unterwegs waren. Alle waren froh \u00fcber die schnelle Fahrt, bis auf J\u00fcrgen, der es nicht so recht genie\u00dfen konnte. Woran auch immer es gelegen haben mag, er behielt genau gar keine Nahrung bei sich. Sei es fest oder fl\u00fcssig, alles kam auf dem geichen Wege heraus, wie es reingekommen war.<br \/>\nZuerst dachten wir noch, er w\u00fcrde eben eine Aversion gegen Expeditionsnahrung entwickeln, obwohl er beteuerte, Travellunch schmecke ihm. Jedoch kam auch alles fl\u00fcssige wieder raus, und das war \u00e4u\u00dferst ung\u00fcnstig. Der Mensch kommt ja lange ohne feste Nahrung aus. Indische Jogies schaffen das geradezu unbegrenzt lange, ohne Fl\u00fcssigkeit wird es aber schon mittelfristig unangenehm.<br \/>\nErstmal war da noch keine Sorge. J\u00fcrgen h\u00e4tte als Preis f\u00fcr au\u00dfergew\u00f6hnliche Taten an Bord von uns das goldene Kopfkissen erhalten, wenn wir eines zu vergeben gehabt h\u00e4tten. Marcin, der unter seiner Schlaflosigkeit schon litt, beneidete J\u00fcrgen um seine F\u00e4higkeit, mehr als 10 Stunden am St\u00fcck in der Koje liegen zu k\u00f6nnen. Genau diese F\u00e4higkeit war es, die uns nun den \u00e4rgsten Druck nahm. J\u00fcrgen verbrauchte einfach so wenig Ressourcen, da\u00df vorerst keine Handlungsnotwendigkeit bestand. Wir sind einfach weitergesegelt. Was sollten wir auch anderes machen.<br \/>\nZwei Tage sp\u00e4ter wurde es kritischer. Es war der 10.01. Wir hatten eine z\u00fcgige Nacht hinter uns. Die Genua stand mal wieder. J\u00fcrgen war schon l\u00e4ngst wachfrei gestellt und hatte trotz tapferer Versuche nichts zu sich nehmen k\u00f6nnen. Die P\u00fctz war absolut unentbehrlich und durfte auf keinen Fall weiter als Armreichweite entfernt sein, wenn er gerade mal was zu trinken versuchte. Das landete alles wenige Sekunden sp\u00e4ter mit Galle vermischt in der P\u00fctz.<br \/>\nNun war f\u00fcr uns Schlu\u00df mit lustig und Bremen Rescue, die Funkzentrale der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbr\u00fcchiger wurde kontaktiert. Ein Hoch auf das Iridiumtelefon!<br \/>\nBremen Rescue verband uns mit dem Krankenhaus in Cuxhaven, wo wenig sp\u00e4ter eine \u00c4rztin unseren Fall anh\u00f6rte. Die klang bei der Information &#8220;seit 70 Stunden nichts mehr bei sich behalten&#8221; alles andere als entspannt. Erstmal sollte so schnell wie m\u00f6glich eine Infusion gelegt werden. Eine solche ist, man h\u00f6re und staune, sogar an Bord! Was wurde nicht auf unserer Route mit den F\u00fcssen gescharrt, wenn der Spinnacker geborgen und die Genua viel zu klein war. Der fehlende Code5 mag einige Meilen gekostet haben, aber die Infusion war Gold wert und h\u00e4tte nicht fehlen d\u00fcrfen. Leider waren nur zwei Beutel Kochsalzl\u00f6sung \u00e0 0,25 Liter an Bord. Ein schwimmendes Krankenhaus sind wir dann doch nicht. Zwar h\u00e4tten wir das Zehnfache ben\u00f6tigt, aber es war schon mal deutlich besser als nichts. Hat schon mal einer so ein Ding gelegt? Irgendwann mal durfte ich das \u00fcben, aber an einem Arm, der die Vene gut sichtbar gemacht hat und in langer Vergangenheit.<br \/>\nJ\u00fcrgens Vene war deutlich weniger gut sichtar, somit hat er sich kurzerhand den Zugang selbst in den Oberschenkel gelegt und Marcin danach die Schl\u00e4uche angeschlossen. In der Zwischenzeit war das MRCC (Maritime Rescue Coordination Center &#8211; Seenotrettungsleitstelle) auf den Azoren von Bremen Rescue informiert und hielt R\u00fccksprache mit uns. Vorerst wurde nach Schiffen geforstet, die weitere Beutel mit Kochsalzl\u00f6sung an Bord h\u00e4tten, kurz sp\u00e4ter fielen die W\u00fcrfel in einer anderen Richtung. J\u00fcrgen sollte abgeborgen werden. Schiffe fielen f\u00fcr diesen Job gleich aus, zu stark war die D\u00fcnung.<br \/>\nAlso ein Hubschrauber. Der hat eine Reichweite von 500 Meilen. Damit noch Zeit f\u00fcr das Man\u00f6ver bleibt, darf der Radius nicht gr\u00f6\u00dfer als 200 Meilen werden. Gleichzeitig wird Tageslicht ben\u00f6tigt.<br \/>\nJ\u00fcrgen war nun, am 10.01. sp\u00e4t abends seit knapp drei Tagen ohne Fl\u00fcssigkeit. Wir waren 400 Meilen von Flores, der dichtesten Azoreninsel entfernt. Bis zum n\u00e4chste Abend konnten wir uns durchaus bis auf 200 Meilen ann\u00e4hren. Wenn wir schnell segeln. Also wieder mit Vollgas durch die Nacht.<br \/>\nZwei Reffs im Gro\u00df und Fock bei gut 35 Knoten Wind. Den n\u00e4chsten Tag mit Flaute und 50 Knoten B\u00f6e vorher haben wir schon beschrieben. Gegen Abend um 1800utc standen wir genau am Treffpunkt mit dem Helicopter. Unz\u00e4hlige Mails und Telefonate mit dem MRCC hatte Marcin dank Iridium (gepriesen sei es!) ausgetauscht und war genau instruiert. Das Boot war klar. Und wie! Alle Segel geborgen und weggestaut. Das Gro\u00df eng auf den Baum gebunden. Den Baum quer zum Schiff gestellt, die Backstagen zum Mast gebunden. Alles vom Heckkorb ger\u00e4umt, was nicht niet-und nagelfest ist und alles Tauwerk verstaut, damit blo\u00df nichts durch die Gegend fliegt, wenn der riesige Rotor so dicht \u00fcber uns arbeitet. Gl\u00fccklicherweise war den ganzen Nachmittag lang schon sehr wenig Wind. Jedoch blieben nat\u00fcrlich immernoch locker 4 Meter D\u00fcnung von den st\u00fcrmischen Tagen zuvor stehen. Als der riesige Hubschrauber dann in Tuchf\u00fchlung stand, konnte der Pilot den riesigen Vogel auch sehr sch\u00f6n station\u00e4r zu uns halten und sich austarieren. Zumindest bis es ernst wurde. Ein Taucher wurde abgefiert. Der legte J\u00fcrgen den Gurt um. Bis dahin war der Helikopter eigentlich ganz gut zu uns positioniert gewesen. Nun aber wickelte er erst mal seinen Aufhei\u00dfdraht um den Mast. Durch\u00a0 ein Wunder kam der wieder frei und zog dann den Taucher samt J\u00fcrgen wieder hoch. Nur leider nicht ganz senkrecht. Erst mal wurden sie \u00fcber das Cockpit geschleift, unsanft gegen Gro\u00dfschotwinsch und Heckkorb geschleudert und dann bis zum Bauch ins Wasser getaucht, bevor es gen Himmel ging.<br \/>\nWir blieben mit Staunen, einem Scheck in den Knochen sowie einer verbogenen Masteinheit f\u00fcr die Windmessanlage zur\u00fcck. Immerhin war sie noch in Betrieb, da mu\u00dften wir sie nur neu einkalibrieren. Bis wir wieder unter Segeln waren, vergingen locker zwei Stunden Arbeit mit allen Kr\u00e4ften. Dann durch die Nacht in zunehmendem Wind. Das Gro\u00df gerefft und Genua. Autopilot mit hoher Empfindlichkeitseinstellung.<br \/>\nDer Morgen brachte mal wieder abnehmende Winde. Schnell ausgerefft und den Spi gesetzt. Mittags um halb eins gehalst und ab nun direkt Kurs auf die S\u00fcdostecke der Insel mit dem Hafen gleich dahinter. Um 1300utc waren noch<br \/>\n105 Meilen bis in den Hafen, den wir doch so gern noch vor Mitternacht erreichen wollten. Tats\u00e4chlich haben wir es geschafft. Eigentlich war es utopisch, aber der Wind war gn\u00e4dig. Zwar hat es gegen Abend etwas geschw\u00e4chelt und war sehr unbest\u00e4ndig, aber gegen 2100 ging die Post richtig ab. Innerhalb von zwei Minuten nahm es von 20 auf gut 35 Knoten zu. Da der Wind halb einfiel, mu\u00dften wir auch tats\u00e4chlich z\u00fcgig reffen. So ging es mit Schrick in den Schoten durch die Nacht. Zwei Reffs im Gro\u00df und Stagfock.<br \/>\nRecht bald war das dritte Reff f\u00e4llig und irgendwann das auch noch zu viel.<br \/>\nDa wir aber nunmehr wieder raumschots unterwegs waren, haben wir nicht weiter gerefft, sondern per Hand gesteuert, um die Kontrolle zu behalten.<br \/>\nDas war eine Kamikazefahrt durch die Nacht. Die Insel war schon in Sicht, der Wind pendelte sich zwischen 45 und gut 50 Knoten ein und wir konnten gegen halb zw\u00f6lf die Ecke runden. Lieber noch das Gro\u00df geborgen vor der Halse, trotzdem\u00a0 mit Fock allein zu viel Tuch. Vom Berg \u00fcber dem Hafen wehten Fallb\u00f6en herunter, die uns dann auch gut flachgelegt haben. Zu diesem Zeitpunkt war innen alles nass. Clemens navigierte uns durch die Nacht, J\u00f6rg und Marcin k\u00e4mpften mit den Segeln und der Skipper wirbelte im Cockpit herum. Um 2347utc waren wir in Horta fest, hatten kurz Besuch von einem Hafenangestellten, der Marcin eine lang entbehrte Zigarette abtrat und uns gn\u00e4dig liegen lie\u00df. Das Schiff fluchtartig verlassend betraten wir genau 2355utc das Caf\u00e9 Sport.<br \/>\nEin Beweisfoto und drei Runden Getr\u00e4nke sp\u00e4ter konnten wir in einen komat\u00f6sen Schlaf fallen. Die Heizung vertrieb die N\u00e4sse aus dem Schiff (P\u00fctz und Schamm mu\u00dften noch vorarbeiten).<br \/>\nAm Morgen hatten wir J\u00fcrgen wieder an Bord. Der war vom Hubschrauber ins Krankenhaus geflogen worden und dort so schnell wieder aufgepeppelt, da\u00df er schon einen Tag sp\u00e4ter wieder entlassen werden konnte. Was genau er nun hatte, bleibt r\u00e4tselhaft. Ein Verdacht war eine karibische Virusinfektion.<br \/>\nWarum die aber innerhalb so schneller Zeit geheilt werden kann, ist nicht klar. Eine Form von Seekrankheit w\u00e4re eine weitere Theorie. Dazu w\u00fcrde die M\u00fcdigkeit gut passen. Warum diese aber eine Woche lang auf sich warten lie\u00df bleibt ebenfalls unklar. Was z\u00e4hlt ist, da\u00df J\u00fcrgen zur\u00fcck an Bord ist.<br \/>\nGestern, am 13. war Flaute und Sonnenschein. Perfekt zum Trocknen. Da war einiges zu trocknen. Das Boot sah aus, wie die Villa Kunterbunt. \u00dcberall werden wir angesprochen: &#8220;Seid Ihr von dem deutschen Boot?&#8221; Das erte Boot im Jahr, von dem auch noch einer abgeborgen werden mu\u00dfte ist hier irgendwie bekannt. Heute hatten wir einen Tag lang fast Dauerregen mit Starkwind, da wollte keiner segeln. Wenn das Wetter besser wird, werden wir wohl noch ein paar Runden Inselhopping machen, aber auf keinen Fall auslaufen, wenn Druck in der Luft in Aussicht gestellt wird.<br \/>\nWir haben im Januar 2800 Meilen auf dem Atlantik hinter uns, ohne echten Sturm erlebt zu haben. Daf\u00fcr sind wir dem Wettergott dankbar. Auf unsere gesegelte Zeit sind wir stolz. Gut acht Knoten Durchschnittsgeschwindigkeit zwischen der Karibik und den Azoren, das ist flink. Es stellt ziemlich genau die theoretische Rumpfgeschwindigkeit dar und macht ein Durchschnittsetmal von 200 Meilen. Dabei sind wir im Fahrtenmodus gesegelt. Haben uns nicht durch schnelle Segelwechsel tot gemacht und viel den Autopiloten in die Pflicht genommen. Wir sind Sacks gefahren. Die Backskiste im Heck und der Ankerkasten im Bug blieben weitestgehend leer. Was nennenswert Gewicht hatte, wurde in Luv gestaut. Das hat das Leben anBord f\u00fcr uns nicht unbequemer gemacht, ganz im Gegenteil. Somit k\u00f6nnen wir mit Fug und Recht behaupten, als reine Fahrtencrew gesegelt zu sein. Wir hatten nat\u00fcrlich Windgl\u00fcck, was die Richtung angeht. Das erkennt man schon an der gesegelten Stecke. Zwischen Guadeloupe und Horta ist die Luftlinie 2200 Meilen lang.<br \/>\nWir sind auch nur 2450 Meilen gesegelt, mu\u00dften also sehr wenige Umwege fahren. Allerdings haben wir auch zwei sehr flaue Tage debei. Unser schlechtestes Etmal betr\u00e4gt 118 Meilen. Mehr als die H\u00e4lfte aller Etmale liegt unter 200 Meilen. Daf\u00fcr sind in der zweiten H\u00e4lfte der Strecke auch mal ein paar Tage mit 10 Knoten im Schnitt dabei. Das hat sich gelohnt.<\/p>\n<p>Damit endet unser Bordtagebuch. Hier auf den Azoren haben wir wieder W-LAN.<br \/>\nIhr k\u00f6nnt also eventuelle Fragen an unsere privaten Adressen richten, oder an unsere Schiffsadresse pogoatlantik@gmx.de<\/p>\n<p>Bis bald,<br \/>\nPogo1 und Crew<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Logbuch 15.01.2010 &#8211; Wir sind da &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_monsterinsights_skip_tracking":false,"_monsterinsights_sitenote_active":false,"_monsterinsights_sitenote_note":"","_monsterinsights_sitenote_category":0,"ngg_post_thumbnail":0},"categories":[3],"tags":[44,41,64,23,32,65,9,46,45,43,22],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.pogotransat2010.visualbites.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.pogotransat2010.visualbites.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.pogotransat2010.visualbites.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pogotransat2010.visualbites.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pogotransat2010.visualbites.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=29"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/www.pogotransat2010.visualbites.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":176,"href":"https:\/\/www.pogotransat2010.visualbites.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/29\/revisions\/176"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.pogotransat2010.visualbites.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=29"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pogotransat2010.visualbites.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=29"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.pogotransat2010.visualbites.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=29"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}